Montag, August 22, 2005

Unterschied zwischen scholastischer und monastischer Theologie

Ich fand es ziemlich bereichernd, mir einmal den Unterschied zwischen monastischer (also klösterlicher) und scholastischer (eher akademischer) Theologie klar zu machen.
Scholastische Theologie ist "sitzende Theologie". Ihr Ziel ist der Erwerb von Wissen und das Vorantreiben von Wissenschaft. Dialektische Argumentation, Logik und Vernuft sind ihre Mittel. Wenn man ihre Vorgehensweise in einen Dreischritt packen will, dann wäre das
  • Lectio (Lektüre)
  • Quaestio (Fragestellung) und schließlich
  • Disputatio (kontroverse Diskussion zur Fragestellung.
Demgegenüber könnte man die monastische Theologie eher als die "knieende Theologie" bezeichnen. Ihr Ziel ist der Erwerb von Weisheit, innerem Verstehen und die Erkenntnis eher übergeordneter Zusammenhänge. Ihr Mittel ist die Lectio Divina, die sich in den Dreischritt
  • Lectio (Lektüre)
  • Meditatio (inneres Verkosten)
  • Oratio (Gebet)
fassen lässt.
Ich frage mich, ob viele Streitigkeiten in der Kirche nicht daher kommen, dass die scholastische Theologie in unserer Gemeindekultur völlig überbetont ist. Es geht - vor allem in protestantischen Kreisen - doch meistens darum, wer die rechte Lehre vertritt und jede neue Strömung ist letztlich dazu bereit, um dieser Frage willen auch ihren eigenen Club zu gründen.
Vielleicht täte es uns gut in diesem Punkt von den Mönchen zu lernen.

12 Comments:

Anonymous Anonym said...

...andererseits (obwohl ich mich da viel zu wenig auskenne) gabs ja auch die unterschiedlichsten kloesterlichen stroemungen, oder ? weisst du genauer worin sich diese unterschieden ? mein wissen reicht gerade soweit begriffen zu haben, dass es doch so einige wesentliche unterschiede gab, wie man was zu tun hat. hmm.
spannende gedanken die du da hegst... und soviele neue worte (frage am rand: studierst du theologie oder so, ich les grad deinen und storchs blog parallel und bin ueber die theologischen Eintraege sehr beeindruckt)

12:23 AM  
Blogger Trinity said...

@Stan
Ja, ich studiere Theologie ;)
Soweit ich weiß, geht es in den einzelnen Klösterlichen Strömungen - wie du schon sagtest - nicht so sehr um den Unterschied in der Lehre bzw im Bekenntnis (das wäre innerhalb der katholischen Kirche auch gar nicht nötig), sondern lediglich um Unterschiede in den Schwerpunkten wie sich das Evangelium in der jeweiligen Zeit konkret im Leben des Klosters oder Ordens umsetzt. Dafür verfasst der Orden die sogenannte Regel. Die Regel versucht auszudrücken, wie der Orden das Evangelium umsetzen möchte. Ziel war eigentlich immer, dem Urchristentum so nah wie möglich zu kommen. In der katholischen Kirche gibt es fünf große Regeln, auf die sich auch die meisten Klöster oder Orden beziehen. Die von Basilius, von Augustinus, von Benedikt, von Franziskus und von Ignatius von Loyola.
Wenn man die Regeln ließt, dann sind sie sich im großen und ganzen sehr ähnlich. Zusätzlich zu den Gemeinsamkeiten betont Augustinus besonders, dass alles aus der Liebe kommen soll, Franziskus war gerade die Armut wichtig und Ignatiius Bildung und Frömmigkeitsübung. Basilius und Benedikt sind sicher die grundlegendsten und umfassendsten Regeln, die von den anderen vor allem für die konkrete Ordnung des klösterlichen Lebens aufgegriffen wurden.
Mich faziniert das Mönchtum deswegen so, weil ich das Gefühl habe, dass es um das Wesentliche geht. Wie lebe ich heute kompromissslose Nachfolge? Das ist die große Frage der Klöster. Bei aller Liebe zur Theologie, aber was hilft es den Leuten, wenn sie wissen, wann das Matthäusevangelium geschrieben wurde, wenn sie seinen Inhalt nicht in ihr Leben bekommen?

10:00 AM  
Anonymous Anonym said...

@Trinity ... war denn die Trennung zwischen Kloestern und "dem Rest" wirklich so scharf wie sie hier erscheint ? Inwieweit haben den Moenche die nachfolgenden Theologien beeinflusst ? Ich stell mir (romantisiert) Moenche immer gern als Leute vor, die so voll von Gott sind, dass sie einfach mit ihm drauflos leben und mit ihm reden. Insofern find ich deren Haltung (so weit ich sie von aussen wahrnehme) auch spannend, weil ich das gefuehl habe, diese Menschen wissen einfach dass sich hinter all den Geschichten und Mythen um Gott etwas Wahres und Tiefes vebirgt ... und dass sie dazu einen Zugang gefunden haben. Inwiefern dies jetzt Illusion meinerseits ist, lass ich mal offen... nichtsdestotrotz moechte ich auch diesem Ansatz, das Wort in die Tat zu bekommen nachfolgen.

12:17 PM  
Blogger Trinity said...

Ich glaube, dass es früher für jemanden der mit dem Glauben ernst machen wollte der normale Weg war, Mönch zu werden. Klöster machten den Glauben für alle Menschen zugänglich, ohne dass diese ein Studium absolvieren und Priester werden mussten. Für die meisten Kirchenangehörigen war die Kirche ein Mysterium. Sie fand (bis ins letzte Jahrhundert) nicht in ihrer Sprache statt und sie konnten nicht lesen. Wer sich mehr mit dem Glauben beschäftigen wollte, musste einen Schritt aus dem Volk heraus tun.
Mit Drauflosleben war im Kloster dann nix mehr. So eine Regel regelt einfach alles. Wie du ißt, wieviel du schläfst, wann du betest... Das mag uns fremd erscheinen, aber "das Leben zu verlieren" wurde da meiner Meinung nach sehr plastisch.
Klöster waren auch Motoren für Veränderung in der Kirche, gerade weil sie immer wieder die "Verweltlichung" der Priesterschaft und der Päpste aufs schärfste kritisiert haben. Aber das zentralere war, dass Klöster die Orte waren von denen aus immer am intensivsten Mission betrieben wurde. Viele Teile Deutschlands wären nicht missioniert worden, hätten sich nicht ziemlich derbe keltische Mönche ohne Furcht vor dem Tod auf den Weg gemacht.
Markus Lägel sagt immer, ohne die Klöster wäre Europa nach dem Zusammenbruch der Antike in ein kulturelles Vakkum gefallen und wer weiß, wo wir dann jetzt wären...

2:15 PM  
Blogger Scipio said...

Ein Lesetipp: Von Hans Urs von Balthasar gibt es einen wichtigen Aufsatz, "Theologie und Heiligkeit", enthalten in Verbum Caro. Von ihm stammt auch der Ausdruck der "knieenden Theologie".

2:52 PM  
Blogger Trinity said...

Cool Danke, Scipio. Hab von Herrn von Balthasar "Die großen Ordenregeln". Der Typ ist echt gut!

6:10 PM  
Blogger Trinity said...

Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

6:13 PM  
Anonymous Anonym said...

Bei aller Liebe zur Theologie, aber was hilft es den Leuten, wenn sie wissen, wann das Matthäusevangelium geschrieben wurde, wenn sie seinen Inhalt nicht in ihr Leben bekommen?

Da ist was dran. Allerdings kann auch nicht jede/r ins Kloster gehen. Es muß also einen Mittelweg zwischen heiligem Klosterleben und dem Leben "in der Welt" geben. Ich gestehe aber daß ich das auch noch lange nicht perferktioniert habe.

1:07 PM  
Blogger ... said...

ich persönlich finde ja das das monastische Modell alltagstauglicher ist! Es ist einfach eine Frage der Haltung, dafür muß man ja nicht unbedingt in ein Kloster gehn, wobei Leben in Gemeinschaft (welcher Art auch immer) sicherlich im Glauben reifen fördert.

7:54 AM  
Anonymous Anonym said...

offen gestanden, sosehr mir dein Beitrag gefällt, ist mir doch die Gegenüberstellung scholastischer und monastischer Theologie neu. Gibt es denn die monastische Theologie überhaupt? Ist es nicht vielmehr so, dass die Scholastik sozusagen im Schoß der monastischen Gemeinschaften entstanden ist und sie zumindest bis zur Zeit des Vatikanums II wesentlich geprägt hat? Mir scheint man sollte nicht allzu sehr mit Begriffen jonglieren.
Theologie als geistiges Luftschloß (und das waren die Abarten der Scholastik z.T. zweifellos) ist schlicht zum vergessen. Frömmigkeit ohne Verankerung auch in der ratio, die uns Gott geschenkt hat ( ich meine ganz bewußt den vom Glauben erleuchteten Verstand) gleitet sehr leicht in Gefühlsduselei und Kitsch ab. Da ich selber lange genug in einer monastischen Gemeinschaft gelebt habe, traue ich mir zu behaupten, dass es zwar immer beide Versuchungen gibt, dass das Wesen monastischer Spiritualität aber gerade in einer geerdeten Frömmigkeit besteht. "In caelestibus habitavit, in terris positus", sagt man über den Hl. Benedikt.

9:07 PM  
Blogger Trinity said...

@Georg: Danke für dein Post. Du bist was monastische Spiritualität angeht sicher besser informiert als ich ;) Soweit ich weiß, hat die Frühscholastik (Anselm von Canterbury) im 12. Jahrhundert die "monastische Theologie" (z.B. Bernhard von Clairvaux, Hildegard von Bingen) abgelöst. Insofern ist sie sicher "in ihrem Schoß entstanden". In der heutigen Diskussion (z.B. bei Klaus Berger unter http://www.die-tagespost.de/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=2556) treten die beiden Begriffe oft als Gegenüberstellungen auf und das hab ich hier übernommen.
Du hast recht man kann immer von zwei Seiten vom Pferd fallen. Mir geht es nicht darum, den Verstand an der Kirchentür abgeben zu müssen, schließlich sollten wir lebenstaugliche Menschen in den Gemeinden formen. Allerdings steht die Kirche (und ich kann hier nur von meiner evangelischen sprechen) in Gefahr vor lauter Rechtsgläubigkeit ihre Spiritualität zu verlieren und damit sicher auch die mystischen Elemente, die aber für den Glauben auch wichtig und richtig sind.
In der Spirtiualität brauchen wir einen Mittelweg zwischen Mystik und Ratio, das ist für mich geerdeter Glauben.

10:47 PM  
Blogger Norbert said...

ja sääärvus,
ich möcht auch was dazu sagen. Hier werden schöne und sehr kluge statements abgegeben und trinity, wie nahe wir uns doch sind... grins.
Also - die Gegenüberstellung von monastischer zu scholastischer Theologie ist im Kern eine Erfindung der K.Berger´schen Apologetik (er hats ja auchn bisl schwer da so auf seim NT-Lehrstuhl in Heidelberg und mit dem Herzen ein Zisterzienser... quasi die personifizierte Zerissenheit unseres Themas...) Von daher ist Georgs Ansage sehr richtig: scholastische Theologie entstand in den Klöstern. Anselm war der erste und hat auf richtungsweisende Art und Weise nachgwiesen, warum Jesus (Gott) Mensch werden musste(!). Also nix von Liebe nix von Wollen, er musste - philisophisch haarscharf argumentiert. Anselm war Benediktiner. In der Person Thomas erreicht die Scholastik ihrn Höhepunkt. Seine "summa" ist ein absolutes Meisterwerk klugen Theologietreibens. Thomas war Dominikaner (also Bettelmönch!) und so weiter und so weiter. Einer der ersten, der die selbstreflexive Schlüssigkeit der scholastischen Theologie als spekulativ bekämpfte war M.Luther (und wieder ein Ordensmann - Augistiner Eremit). Geistesgeschichtlich bedingt bricht seine Theologie nun plötzlich rüber in die Individualität und auf das Subjekt hin - das hatte bisher niemand interessiert!!! Dass wir heute eine sehr persönliche Frömmigkeit leben können, ist u.a. Luther zu verdanken. Das lustige ist, dass im Laufe der Geschichte das Luthertum eine eigene "Scholastik" entwicklt hat. Die sog. Lutherische Orthodoxie war im Zuge der Reformation das prägende Element der spätbarocken Theologie. Mit Pietismus und Erweckungsbewegungen nimmt die Theologie in der Romantik eine neue Schlagseite der persönlichen Frömmigkeitsstruktur an. Also wenn man sich da mal genauer hineindenkt, dann isses fast etwas zu schwarz weiß karikiert, wenn scholastisch gegen monastisch ausgespielt werden soll. Beides hat sich immer wieder selbst korrigiert und bereichert. Denker gehören in die Theologie - Beter in gleichem Maße. Die Ideallösung wären sicherlich so Leute wie Balthasar, Barth, Eckstein u.a. welche hoch intellektuelle Denker auf den Knien warn. Ich denke, dass unsere Bewegung Gottes Handschrift trägt, da in ihr durch Gottes Handeln beides zueinander kommt.

8:52 AM  

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